Die Märchen-Apotheke – Grimms Märchen als Heilmittel für Kinderseelen

Gelesen wurden:
"Die Märchen-Apotheke – Grimms Märchen als Heilmittel für Kinderseelen"
Von Stephanie zu Guttenberg (Hg.), Silke Fischer und Bernd Philipp
Aus dem Kösel Verlag, aus 2011
- gebraucht gekauft -

Hier geht es zur Rezension: Klick mich

Zu kurze Zusammenfassung:

Die Verfasser*innen versprechen den Leser*innen, dass man Kinderprobleme mit dem Vorlesen und Besprechen von Märchen lösen kann. Ist das eigentlich ein Heilsversprechen? Ich bezweifle nämlich stark, dass diese Medizin so wirkt wie sie hier beschrieben ist.

Über das Buch:

Im Vorwort schreibt Frau von Gutenberg einleitende Worte über den Grund der Entstehung des Buches (Märchen können Kinder prägen und das möchte man hier ausnutzen) und über ihre Arbeit bei “Innocent in Danger”, einem Verein für den Schutz von Kindern.

Eigentlich ist das eine nette Idee: Märchen-Expert*innen stellen einen Alltagsbezug zu den Geschichten her und ich als Elternteil kann dann selbst entscheiden, wie ich das Märchen vorlese und was wir aus der Geschichte lernen. Es steht mir immer frei das dem Alter entsprechend anzupassen. Es sind Erzählungen, die mündlich weitergetragen und immer angepasst wurden. Ich mag übrigens Märchen, ich bin mit einer fantastischen Märchenerzählerin im Dorf aufgewachsen an deren Stimme ich mich heute noch erinnere.

In diesem Buch gibt es nun 25 Abschnitte, die jeweils aus einer einleitenden Alltagsgeschichte, einem Märchen und einem Beipackzettel, also was man aus dem Märchen mitnehmen soll, bestehen.

Grundsätzlich finde ich die Idee interessant, wenn da die Umsetzung nicht so wäre wie sie wäre:

Die Abschnitte sind, höflich ausgedrückt, eine Katastrophe.

Kennt ihr diese Menschen, die ihre moralischen Vorstellungen in jedem Satz preisgeben? Die ihre Sicht auf die Dinge allen aufdrücken wollen? So stelle ich mir im Moment die Autor*innen der begleitenden Texte vor. Diese strotzen vor diskriminierenden Worten, sei es Adultismus, Sexismus, Rassismus, Ableismus, alles ist dabei.

Ich möchte euch für jeden dieser Vorwürfe Beispiele geben.

Dabei benutze ich oft das Wort „natürlich“, was ironisch gemeint ist. Denn es ist nicht natürlich, dass Mädchen kein Mathe mögen, oder jede Person mit Behinderung an den Paralympics teilnimmt.

Adultismus

Die Überschrift eines Szenarios heißt „Unser Kind ist egoistisch und auf jeden neidisch, der etwas besser kann“. Das Kind wird also gleich in der Überschrift negativ eingeordnet. Das Kind ist laut Text 5-6 Jahre und extrem eitel. Steht immer vor dem Spiegel, braucht ewig mit der Morgentoilette (wer sagt das so?) und hat die schönsten Kleider, finanziert von den Eltern. Und dann wundern die Eltern sich echt, dass das Kind eitel ist und über andere Kinder herzieht, die „nicht so schön sind“? Das steht da wirklich: „Entsetzt waren die Eltern als der Lehrer sie darauf hinwies, dass ihre Tochter lernen müsste nicht immer im Mittelpunkt zu stehen.“ T’schuldigung, aber wo hat denn das Kind das ganze Zeug gelernt? Und warum urteilt man dann so hart über das Kind, wenn es nur das widerspiegelt, was es vom Elternhaus mitbe-kommen hat?

Das Märchen dazu ist “Schneewittchen”. Damit Kind lernt, was mit eitlen Menschen passiert... kein Kommentar dazu.

Im Beipackzettel stehen auch so „nette“ Dinge wie „Alle in der Familie sind großzügig […] nur ihr Kind schlägt diesbezüglich völlig aus der Art.“ Man solle sich dann einen Nachmittag frei nehmen und gemeinsam mit dem Kind das Märchen lesen und darüber reden, warum das Kind ungern teilt.

Zum einen hat der Beipackzettel wenig mit der eingehenden Geschichte zu tun. Da wird der Fokus auf die Eitelkeit des Kindes gelegt und im Beipack-zettel ist es nicht großzügig. Zum anderen braucht es meines Erachtens mehr als einen freien Nachmittag um dahinterzukommen, warum das Kind in einigen Situationen nicht teilen möchte. Aber Kinder müssen ja teilen lernen, sagen sie und würden selbst ihre liebsten Sachen auch nicht mit jedem teilen.

Mein Fazit zu diesem Abschnitt: Das Kind wird hier als alleinverantwortlich für sein Verhalten geframt und ein Nachmittag mit einem unpassenden Märchen soll es richten. Mehr Zeit brauchen die Eltern anscheinend nicht.

Insgesamt werden im gesamten Buch ganz viele Kinder negativ beschrieben. Man möchte sie ja auch von diesen negativem Verhalten befreien, möchte sie heilen, aber hola die Waldfee, das ist echter Adultismus in Reinform, der da durchkommt.

Da sind Schwestern schuld, weil der kleine Bruder ängstlich wurde, da werden Kinder als hochnäsig, eitel, frech, geizig, undankbar oder egoistisch bezeichnet ohne zu hinterfragen, warum die Kinder das Verhalten zeigen.

Ich habe mir an vielen Stellen „Woher sie das nur haben?“ dazugeschrieben, weil eigentlich klar erkennbar ist, dass das beschrieben Verhalten von den Eltern und dem restlichen Umfeld vorgelebt wurde. Und mal ehrlich: Da hilft kein freier Nachmittag, an dem man gemeinsam ein Märchen liest, um das zu richten. Nicht mit der Einstellung der Erwachsenen.

Sexismus

Das ganze Buch ist voller Sticheleien gegen Frauen. An vielen Stellen wird erwähnt, dass eine weibliche Person kein Mathe kann. Teils sogar mit einem unironischem „natürlich“ dabei.

In einem Szenario werden zwei Alleinerziehende ein Paar. Bei der Frau hat sich der Exmann aus dem Staub gemacht, beim Mann musste die Exfrau auf die schiefe Bahn geraten, Drogen nehmen und im Gefängnis landen, damit er dann das alleinige Sorgerecht zugesprochen bekommt. Ein Szenario, wo der Mann einfach vorher mehr Carearbeit gemacht hat und es die beste Lösung für alle war (wie es andersrum ständig der Fall ist), ist wahrscheinlich für die Autor*innen undenkbar. Später im gleichen Text stellt der Mann fest, dass Beziehungsarbeit natürlich Frauen-Domäne ist. Die sind da einfach besser drin *kotz. Das dazugehörige Märchen ist “Aschenputtel”. Total unpassend (meiner Meinung nach), um Kindern zu erklären, dass Patchwork-Familien funktionieren können. Aber was weiß ich schon, bin ja keine Märchenexpertin.

An anderen Stellen heißt es „Müll ist Männersache!“ und ein Mädchen ”zickt rum”, anstatt, dass es sich einfach weigert. Mädchen zicken halt immer... Mädchen spielen natürlich auch mit Barbies und haben hübsche Haare und sind eitel.

An einer anderen Stelle wird ein 13-jähriges Mädchen als „Gucker für die Jungs“ beschrieben! Hallo? Geht es euch noch gut? Da hilft es auch nicht, dass das Mädchen in der Vorgeschichte technikaffin ist, denn das wird gleich als „für Mädchen untypisches Hobby“ bezeichnet. Ein kaputtes Auto repariert das Kind dann mit einem dünnen Gürtel, den es natürlich dabei hat. Wie praktisch, dass das Kind modebewusst ist...

Für mich auffällig ist auch, dass es eine Geschichten gibt, in denen das Kind hochbegabt ist und und in einer anderen ist das Kind zu fleißig für die Eltern. Natürlich sind das beides Jungen… und wie kann ein Kind zu fleißig sein, wenn es hochmotiviert lernt?

An einer Stelle sind beide Eltern erwerbstätig und kommen oft erschöpft nach Hause, das Kind fühlt sich dadurch vernachlässigt. Natürlich legt sich der Vater hin. Natürlich ignoriert die Mutter ihr Kind, weil sie beim Essen zubereiten fern sieht oder telefoniert. Wie kann sie nur! Und der arme Vater darf einfach unkommentiert schlafen. Hier soll man „Sterntaler“ lesen (da sind beide Eltern verstorben) um mit dem Kind über Hoffnung zu sprechen.

Die Liste kann noch viel länger werden. Das Buch gibt genügend Material her. Es vergeht kaum eine Geschichte, in der nicht eins der Geschlechter in eine Schublade gesteckt wird und am schlimmsten für mich ist es, wenn Kinder sexualisiert werden. Gerade im Kontext dessen, dass Frau von Guttenberg bei dem Verein „Innocent in Danger“ mitwirkt.

Nochmal für alle zum Mitschreiben:

Wir kommentieren die Körper anderer Menschen nicht! Wir bezeichnen Minderjährige nicht als Sexy, Hingucker, süß oder ähnliche Begriffe. Wir sexualisieren keine Kinder!

Mädchen können verdammt nochmal Mathe!

Rassismus

Die Überschrift eines Szenarios heißt „Unsere Töchter möchten genauso leben wir ihre deutschen Freundinnen, aber unsere Familientraditionen lässt das nicht zu“. Ich überlasse es euch, dass ihr euch überlegt, welches Szenario hier aufgeschrieben steht. Es ist einfach krasser antimuslimischer Rassismus, der da ganz offen steht. Beginnend von den überfürsorglichen Eltern und Großeltern, die ihren Töchtern nichts erlauben, über „alle türkischstämmigen Mitschülerinnen tragen Kopftuch“, bis zur Lehrerin, die die Eltern warnt, die Tochter nicht zu isolieren und ja nicht nur auf die Mutterrolle zu beschränken ist alles abgedeckt. Dass das Mädchen im Text als „süß“ bezeichnet wird, gehört in den Abschnitt Sexismus…

Man soll dem Kind übrigens „Rapunzel“ vorlesen. Damit man darüber sprechen kann, wie das ist, wenn man eingeschlossen ist und man solle dem Kind unbedingt Freiheiten lassen. Grundsätzlich ist da nichts falsch an so einem Gespräch, aber in diesem Kontext ist das komplett fehl am Platz.

Ableismus

„Mein Kind hat ein Handicap und wir haben Angst, dass es im Leben nicht zurechtkommt“, so lautet die Überschrift eines Abschnittes.

Das ist eine vollkommen berechtigte Angst, aber bitte nennt das Kind beim Namen. Das Kind hat eine Behinderung. Ein Unfall und die Beine des Kindes sind gelähmt. Meine Ironie sagt da „Ist zum Glück eine der netten Behinderungen“ kotz. Das denke ich mir, denn am Ende entdeckt das Kind Bogenschießen als Hobby (finde ich persönlich mega) und träumt dann davon, dass es zu den Paralympics fährt. Hallo? Das ist wieder so over the top. Die Autorinnen sind nicht in der Lage ein alltagstaugliches Beispiel zu geben. Warum kein Kind, dass mit einer Behinderung geboren wurde? Warum muss diese Kind eine Überfliegerin sein, die natürlich gleich an die Paralympics denkt? Gefühlt lässt man hier ein bisschen Behinderung zu, aber nicht zu viel, man will ja die Menschen nicht überfordern.

Andere Behinderungen finden in dem Buch nicht statt. Ist für mich nicht verwunderlich.

Sonstige Beobachtungen

Ein Mädchen hat Essstörungen, die Eltern merken nichts davon, aber als der Arzt das feststellt und eine Therapie verschreibt, bekommt sie sofort einen Platz. Die Therapie schlägt sofort an und alles wird gut. Das kennen wir doch alle. Das Therapieplätze sofort vorhanden sind. Aber vielleicht war die Therapie ja auch Märchenlesen… /s

Ein Junge ist dick und wird deswegen gemobbt. Aber er lernt dann Gitarre spielen und gewinnt damit die Herzen seiner Mitschüler*innen. Gegen Mobbing soll übrigens „Der Hase und der Igel“ helfen. Weil da ja ein so tolles Ende für jemanden der gemobbt wird, beschrieben ist. /s

In zwei Geschichten wird das Thema „Gefahr durch Fremde“ angesprochen. Einmal geht es um den Übergriff eines Klavierlehrers gegenüber einem Mädchen und einmal ist ein Mädchen sehr offen gegenüber Fremden, aber zum Glück passt der große Bruder ja heimlich auf. Ich hätte es hier als sehr wichtig empfunden, wenn man angesprochen hätte, dass eine große Anzahl an Übergriffen aus dem direkten Umfeld der Kinder erfolgt.

Fazit

Auf dem Buchrücken steht, dass man täglich mit seinen Kindern lesen soll, dass man das mit Liebe, Glück, Vertrauen und einem Schuss Lachen mischen soll und dass Märchen Nahrung für die Seele sind. Wenn wir das Wort Märchen durch Geschichten ersetzen, dann ist das die einzige Botschaft, die ich aus diesem Buch mitnehmen möchte. Geschichten sind Nahrung für die Seele und deswegen sollten wir sehr darauf achten, welche Geschichten wir zu uns nehmen.

Dieses Buch kann auf jeden Fall auf den Müll oder, in meinem Fall, in die Buh-Kiste.

Wie wenig kann man Kinder verstehen, um so einen Krampf zu fabrizieren. Die Autor*innen gehören wahrscheinlich zu der Sorte Mensch, bei denen man Märchen ja nicht anpassen darf und die diese den Kindern schon im Alter von 4 Jahren vorlesen. Und zwar nicht die Disney-Variante, sondern die in der wirklich Blut fließt. Das sind hier keine Heilmittel, sondern Gift für Kinderseelen.

Danke, dass du bis hier hin gelesen hast.

Ich bin platt von meinem Text und entsetzt,

dass das Buch auf dem Buchmarkt existiert.

Ich liebe Märchen.

Ich liebe Geschichten.

Aber Märchen sollten nicht so angewendet werden.

Kinder verdienen Respekt!

Habe ich im Text eigentlich erwähnt, dass in den Geschichten oft die Mutter Schuld am Leid der Kinder ist? Eigentlich ganz nach Grimmscher Art, da ist ja die Stiefmutter oft die Böse.

Aber Mutter ignoriert das Kind beim Fernsehen, oder geht weg und das Kind chattet mit Fremden im Netz. Eine Geschichte in der jedoch nur ein Vater vorkommt, sucht man vergeblich.

Zurück
Zurück

Kämpferherzen-Wimmelbuch

Weiter
Weiter

Lass mich in Frieden!